Freitag, 3. November 2017

Die Geschichte der Wälder V

Am nächsten Morgen war Breon früh auf seinem Pferd.
Er musste es noch vor dem Nachmittag schaffen, denn er hatte auch mitbekommen, dass später nur noch Einwohner der Stadt durchgelassen wurde.
Er ritt durch Gassen und kleine Straßen, bis er wieder auf der Ebene der Südlande war, mit der Mauer zu seiner Rechten.
Als er einige Meilen ostwärts geritten war, sah er in der Ferne einen Reiter. Er trug den Weiß-Roten Mantel der Feste Kana und schien es sehr eilig zu haben.
Als sie sich immer näher kamen, erkannte Breon Argiros.
„Wohin des Weges, alter Mann?“ fragte Argiros. „Ihr seht etwas verirrt aus.“
„Nach Melosan, Freunden helfen.“ Er lachte. „Und ihr? In die Richtung ist doch keine große Stadt mehr, und ich sehe euren Trupp nicht.“
„Ich soll auch einem Freund helfen, ihn auf den Weg in die Versteckte Ebene begleiten.“
„Oh, glaubt mir, euer Freund ist schneller da als ohne euch.“
„Dann werde ich ihn halt sicher bis Melosan bringen, auch wenn mein Auftrag anders lautet.“
Er drehte sein Pferd um und sie ritten los.
Auf ihrem Weg unterhielten sie sich über die politische Lage der Ostreiche, darüber, wie Beihar immer öfter Ziel von Angriffen wurde und über die Nachrichten aus der Nebenwelt.
Als sie am frühen Mittag am Tor ankamen, erstreckte sich eine riesige Masse aus Wagen und Reisenden über die Straße vor dem Tor. Über den vielen Köpfen war das goldene Tor zu sehen, verziert mit hunderten kleinen Statuen, umgeben von vielen weiteren Schießscharten, eingelassen in der riesigen, weißen Steinwand mit vergoldeten Fahnenhaltern, an denen die Flagge der Südfeste hing, ein schwarzes Dreieck auf weißem Grund.
Das Tor selbst war so breit wie eine Armee und genau dafür war es gedacht: Armeen durchzulassen, die im Tal vor Melosan Lager aufschlagen wollten.
Jetzt allerdings versuchten die Händler und Reisenden vor dem Tor bloß, in die Stadt zu kommen oder in einem Dorf davor Unterkunft zu finden.
Breon hoffte grade auf ein Wunder, da ritt Argiros an der Menschenmenge vorbei, redete kurz mit einem Soldaten und beide ritten ungestört durch das Tor.
„Als Ritter von Kana hat man halt einige Vorrechte“, erwähnte er fast beiläufig. „Freier Durchlass steht aber nur Offizieren zu.“

Brogha sah genervt wieder aufs Blatt zurück.
So viel Geld konnte er nicht aufwenden, selbst wenn er eine Stadt um Hilfe bitten würde. Aber ansonsten könnten nicht alle mit in eine Stadt kommen, und das war in der Dorfversammlung eine feste Bedingung dafür gewesen, dass alle mitreisten.
Mit allen Kosten für Versorgung und später den Bau oder Kauf von Häusern überstieg der Preis den Dorfvorrat um ein tausendfaches.
Er lehnte sich auf seinem Holzstuhl zurück.
Der Traum von der Stadt hatte sich wohl ausgeträumt. Falls jetzt nicht noch ein Wunder geschehen würde, wären sie alle in diesem Dorf eingesperrt, währen draußen Goblinbanden umherzogen.
Nein, das konnte er nicht akzeptieren.
Er würde wenigstens warten, bis Breon zurückkäme. Er hätte bestimmt eine Lösung, immerhin hatte er Brogha versprochen, nach Hilfe Ausschau zu halten.
Für jetzt würde er sich damit zufrieden geben müssen, also stand er auf und ging zur Tür.
Halt, sein Mantel. Es war immerhin spät im Jahr, und auch wenn die Südlande wärmer waren als die meisten anderen Teile der Welt, wollte er nichts riskieren.
Er zog sich also seinen Mantel über und ging aus der Hütte. Draußen war es neblig, obwohl die Sonne auf ihrem höchsten Punkt stand. So entstand ein merkwürdig schummriges Licht über dem Dorf.
In der gespenstischen Stille des Morgens schritt Brogha durch die Straßen und blickte auf die Häuser.
Jahrhundertealte Steine, verstärkt von frischem Holz.
Ziegel aus den Reichen der Mitte und Stroh aus den wenigen Nachbardörfern bildeten ein merkwürdiges Aussehen, doch nichts sah geflickt aus.
Als er am Wall ankam, hörte er Schritte hinter sich und eine Hand zog an seiner Schulter.

Ansgar Jörg, 03.11.2017
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