Freitag, 29. September 2017

Die Geschichte der Wälder III

Die Südlande waren schon immer weit.
Weit und öde.
Hier und da lag ein kleines Dorf, doch Festungen oder Städte gab es nur an den Rändern.
Argiros konnte gerade genug Siedlungen auf seinem Weg finden, um sein Pferd zu versorgen und sich selbst hin und wieder Essen einzupacken.
Entsprechend froh war er, als die Feste von Kana sich am Horizont abzeichnete.
Kana war schon vor den großen Ostkriegen gebaut worden und war entsprechend eins der letzten Abbilder alter Macht.
Sie war aus weißem Stein gebaut und hatte blaue-rote Dächer auf den Türmen und Häusern. Gerüchte besagten sogar, dass einige Tische der Generäle aus verstärktem Gold gegossen worden waren.
Der mittlere Turm war groß wie ein Berg
Sie hatte schon vielen Belagerungen standgehalten und war, anders als die weiter nördlich liegende Festung Bonego oder die Ruine Aghif, auch noch nie eingenommen worden.
Als Argiros auf das riesige Tor zuritt, kamen einige Reiter in weißen Umhängen auf ihn zu. Er kannte keinen.
Ein fahrender Ritter?“, fragte der Größere.
Nein, ein Geschlagener dieser Feste. Ich erbitte den Zutritt.“, sagte Argiros, wie es ihm von uralten Texten vorgeschrieben war. Gleichzeitig zog er die Kette der Ritter aus seinem Kettenhemd und hielt sie hoch.
Die Reiter zuckten kurz zusammen.
Sehr wohl. Der Oberst erwartet Sie schon.“
Mit diesen Worten drehten sie um und begleiteten Argiros bis zum Eisentor.
Es öffnete sich fast lautlos und er ritt in die schwarze, kühle Dunkelheit der Festung.

Das Feuer brannte lichterloh.
Breon freute sich. Schon lange war es her, dass er eine Feier der Südländer hatte sehen können.
Sie waren sehr spektakulär und es gab immer genug zu trinken für alle, auch wenn es meist gegen Ende hin knapp wurde.
Es war schon spät, und Brogha würde wahrscheinlich bald seine Rede halten.
Breon nahm sich gerade einen weiteren Krug, da kam das Dorfoberhaupt auf ihn zu.
Ich habe Angst.“
Warum? Das ist ein normales Fest, eine normale Rede, da musst du keine Angst haben. Das hast du doch schon oft gemacht.“
Aber ich muss die Einwohner davon überzeugen, dass es sicherer ist, zu einer Stadt oder Feste zu ziehen. Du kennst sie nicht. Die sind starrsinnig wie ein Höhlengoblin. Niemals wird einer auch nur darüber nachdenken, hier wegzuziehen.“
Bis eine Horde hier ist, kannst du sie überzeugen, da bin ich ganz sicher. Du hast ein Talent für so was.“
Wie gesagt, niemals werden sie einen Ort verlassen, an dem Generationen vor ihnen ihr Leben gelebt haben. Mit diesen Häusern sind einfach zu viele Erinnerungen verbunden.“
Wenn die Horden ankommen, wird euer geringstes Problem das Erhalten der Häuser sein.“
Ich weiß, aber das einfache Volk ist nun mal dumm.“ Er lachte. „Nichts wird diese Schwachköpfe in der Mitte der Pampa davon überzeugen, in eine überfüllte Großstadt zu ziehen.“
Offensichtlich war er schon etwas angetrunken, denn nüchtern hätte er niemals die Einwohner seines Dorfes beleidigt.
Nach einigen Minuten ging Brogha wieder und Breon saß alleine auf seinem Hocker und dachte über die Lage nach.
Es stimmte. Die Goblins fielen schon lange über Dörfer her und Berichte von einer großen Armee aus dem Osten wurden immer häufiger. Selbst die Kana-Feste würde nicht ewig standhalten, und da konnten sich die Ritter noch so viele Geschichten über vergangene Zeiten erzählen.
Nichts war unzerstörbar und die königliche Armee war auch nicht unbesiegbar.
Die Lage war ernster, als sich die meisten eingestehen wollten. Breon musste nach Beihar reiten und den König davon überzeugen, dass eine Wachverstärkung nötig war. Er könnte auch den Fürsten des Südens bitten, seine Expeditionen wieder tiefer ins Land zu schicken.
Weiter konnte er nicht überlegen, denn in diesem Moment stieg Brogha auf das Rednerpult und begann seine Rede.
Sehr geehrte Bürger, sehr geehrter Breon. Wie sie vielleicht wissen, feiern wir heute den 6000. Gründungstag dieses Dorfes.“ Er redete noch lange über das Dorf und seine großartige Geschichte und seine Errungenschaften, bis er endlich zu seinem wichtigsten Punkt kam. „Und um diese Herrlichkeit und die Pracht auch noch weiter zu bewahren, schlage ich vor, dass wir zusammen zu einer Stadt ziehen, um den Angriffen der Goblins zu…“ Weiter kam er nicht, denn die versammelte Menge brach in Lärm aus.
Ansgar Jörg, 29.09.2017
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