Freitag, 8. September 2017

Die Geschichte der Wälder II

Der folgende Morgen war kalt.
Nicht, dass es hier warm sein würde, aber heute fand Brogha, dass es besonders kalt
sei.
Er schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf die Bank vor seinem Haus.
Was für ein schöner Anblick das doch sei, auch nach so vielen Jahren noch, dachte
er. Wie schade, dass er es bald verlassen müsste. Er würde es bedauern.

Mitten in seinen Überlegungen kam auf einmal Jemo dazu.
„Du bist ja früh auf! Hast du was vor?“
„Heute ist die Feier, und du weißt ja, dass die immer ziemlich anstrengend sind.“
„Du siehst das vollkommen falsch. Das wird lustig! Stell dir nur den ganzen Spaß
vor, den wir da haben werden. Du musst ja nicht immer Reden halten. Die strengen
dich zu sehr an!“
„Als Leiter des Dorfes habe ich leider einige Pflichten, und die kann ich nicht
einfach vernachlässigen. Du wirst mich eines Tages verstehen.“
„Klar doch!“ Er lachte kurz und ging dann weiter.
Brogha sah ihm nach. Wie dumm er doch war. Vielleicht hatte Breon recht.
Vielleicht sollte er Jemo das Leiten des Dorfes lehren. Aber es war so wenig Zeit...
Er blickte auf das Dorf herab. Die einzelnen Hütten waren wild verstreut, eine
Abgrenzung ließ sich nur an dem kleinen Holzwall erkennen. Und selbst dahinter
waren noch Häuser, Häuser neben Feldern, Wälder, weit entfernt die Umrisse der
Racé-Berge.
All das, und es war hoffnungslos. Keiner würde dieses Dorf mehr vor der nahenden
Dunkelheit retten können.
Vielleicht sollte er anordnen, dass alle in die nächste Stadt auswandern sollten.
Vielleicht sogar West-Beihar.
Aber das war sinnlos. Keiner der Einwohner würde freiwillig gehen wollen, selbst
wenn eine Armee Goblins auf der Ebene stehen würde.
Er seufzte.
Zeit, sich an die Arbeit zu machen.
Im Dorf gab es schon seit langem Gerüchte über die Feier.
80 war alt, selbst für einen Nordländer. Viele erwarteten, dass nun der alte Brogha
das Amt an Jemo abgeben würde, andere glaubten, er werde noch vorher sterben.
Als Letzteres nicht passierte, kamen neue Vermutungen auf; so war die Vorstellung
populär, dass er den Vorschlag bringen würde, in den sicheren Norden zu ziehen,
oder sich unter den direkten Schutz der Königreiche zu stellen.
Aber das war unwahrscheinlich; viele wussten nicht mal genau, ob es überhaupt
noch Königreiche gebe oder ob sie in den großen Magierkriegen untergegangen
wären. Eigentlich war nicht mal bekannt, wer bei den Kriegen gegen wen gekämpft
hat oder ob sie nicht immer noch stattfänden...
Wenn die Diskussionen an diesen Punkt kamen, wurde meist das Thema gewechselt,
weil keiner zugeben wollte, dass er keine Ahnung hatte.

Nicht mal die wenigen Händler, die in diese Region kamen, redeten viel mit den
Bewohnern und reisten lieber schnell ab.
Insgesamt war Wissen über die Außenwelt eher dünn gestreut, das eheste, was die
meisten noch wussten, war, dass das Dorf im Süden und die meisten Städte im
Norden waren.
So war es kein Wunder, dass der einzige von Außen, der länger blieb, ständig
ausgefragt wurde; Breon hatte seit Wochen kaum eine Minute für sich gehabt,
ständig war jemand in seiner Nähe und stellte Fragen.
Auch heute war das nicht anders.
Er betrat gerade die Halle in der Mitte des Dorfes, als auch schon einige der
Einwohner auf ihn zu kamen und ihre Fragen stellten.
Er schmunzelte belustigt und setzte sich an einen Tisch, wo er auf einige Fragen
einging.
Irgendwann kam sein Begleiter dazu.
„Ich muss übermorgen wieder nach Osten. Der Herr der Wache hat seine Soldaten in
der Ebene zurückgerufen.“
„Hab ich mir gedacht. Du hast gestern schon beunruhigt ausgesehen.“
„Die Goblins sammeln sich. Der Waldgang ist nicht mehr so sicher wie früher, Breon. Erst vor einigen
Wochen hat eine Expedition einige geplünderte Karawanen gefunden. Es kann nicht mehr lange dauern,
dann können auch die kaiserlichen Festungen den Süden nicht mehr halten. Dieses Dorf ist weniger
sicher, als seine Bewohner glauben.“
„Ich weiß, und Brogha weiß es auch. Aber niemals würde irgendwer hier die scheinbare Sicherheit
verlassen und in den Norden ziehen. Das weißt du.“
„Ja, leider. Diese Hinterwäldler sind dem Untergang genauso geweiht wie der Turm von Tiol. Nichts
kann die Goblinhorden aufhalten, wenn sie einmal die Festungen gebrochen haben.“
„Nichts, außer einer einzigen, gut ausgebildeten Armee.“
„Wir wissen beide, dass keiner der sogenannten Könige eine Armee gegen die Goblins schicken würde,
wenn die nicht direkt vor ihrer Tür stehen.“
Breon nickte und wandte sich wieder den Dorfbewohnern zu, die wieder begannen,
ihre Fragen zu stellen.
Der Soldat stand auf und ging langsam heraus, schob die schwere Tür weg und stapfte auf das
Tor zu.

Ansgar Jörg, 08.09.2017
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